Robotische Chirurgie: der entscheidende Millimeter
Robotische Chirurgie ist längst in den OP-Sälen angekommen und wird die Medizin in Zukunft nachhaltig verändern. Die Chancen sind groß. Genau wie der Nutzen für Patientinnen und Patienten.
„Ich bin von Beruf Musiker, spiele Bratsche. Ich weiß, wie schnell es geht, einen Millimeter danebenzuliegen.“
Manchmal entscheiden Millimeter über Erfolg und Misserfolg. Das weiß Gerd Grötzschel genau. „Ich bin von Beruf Musiker, spiele Bratsche. Ich weiß, wie schnell es geht, einen Millimeter danebenzuliegen. Die Schwelle zwischen dem, was man möchte, und dem, was geschieht, ist gering.“ Da reiche manchmal ein Zucken im Arm oder ein Niesreiz aus und schon ist der perfekte Ton verpasst.
Zwischen Heilung und Lebensqualität
Als der Orchestermusiker die Diagnose Prostatakrebs erhält, bekommt der Gedanke der Millimeterarbeit für ihn eine völlig neue Bedeutung. Plötzlich geht es nicht mehr um Musik, sondern um seine Gesundheit. Und um die Frage, wie sein Leben nach der Operation aussehen wird. Denn bei der operativen Behandlung eines Prostatakarzinoms geht es längst nicht mehr ausschließlich darum, den Tumor sicher zu entfernen. Ebenso entscheidend ist es, körperliche Funktionen zu erhalten, die für die Lebensqualität der Patienten von großer Bedeutung sind, aber von feinsten anatomischen Strukturen abhängen. Oft entscheiden wenige Millimeter darüber, wie gut Betroffene nach dem Eingriff in ihren Alltag zurückfinden.
„Meine Hauptsorge war natürlich, ob der Krebs vollständig entfernt wird“, erinnert sich Gerd Grötzschel. „Mindestens genauso beschäftigt hat mich aber die Angst vor einer Inkontinenz. Ich wollte zurück ins Orchester. Mehrstündige Konzerte zu spielen und im Orchestergraben zu sitzen – das muss einfach möglich sein.“
Meisterwerk der Technik
Dass sich diese Sorge nicht bewahrheitet hat und der Musiker heute als krebsfrei gilt, verdankt er auch einem Meisterwerk der Technik. Die Ärztinnen und Ärzte der Klinik für Urologie am Universitätsklinikum Dresden haben ihn Anfang 2026 mit dem OP-Roboter daVinci operiert. Seit 20 Jahren sind OP-Roboter in der Klinik im Einsatz. Im März 2006 galt der Einsatz von OP-Robotern in der Urologie als absolutes Novum. Dresden gehörte zu den ersten Standorten in Deutschland, die über diese moderne, minimalinvasive Operationsmethode verfügten. 20 Jahre und über 4.200 robotische Operationen später ist die Technik in die urologische Routine übergegangen. Die Anzahl der Eingriffe, die robotischassistiert erfolgen, nimmt stetig zu.
Prof. Christian Thomas und Patient Gerd Grötzschel
Das robotische Verfahren erlaubt präzises Operieren auf kleinstem Raum. Am häufigsten erfolgt der Einsatz des Operationsroboters im Rahmen der Nierenteilresektion und der radikalen Prostatektomie. Letztere war jahrzehntelang eine Domäne der offenen Operationstechnik. In den letzten zehn Jahren ist hier jedoch der Einsatz des Operationsroboters von 30 auf über 95 Prozent gestiegen. Grund dafür ist insbesondere die schnellere postoperative Erholung des Patienten aufgrund des minimalinvasiven Zugangs.
Präzise und schonend
„In keiner anderen medizinischen Fachrichtung ist die Robotik derart fest implementiert wie in der Urologie. Heutzutage ist in einer auf rekonstruktive und onkologische Operationen ausgerichteten Urologie der Operationsroboter nicht mehr wegzudenken“, sagt Prof. Christian Thomas, Direktor der Klinik für Urologie. Auch die Klinik für Viszeral-, Thorax- und Gefäßchirurgie sowie die Klinik für Frauenheilkunde und Geburtshilfe nutzen OP-Roboter. Das Universitätsklinikum Dresden verfügt über drei OP-Roboter, mit denen über 800 Eingriffe pro Jahr durchgeführt werden. Zudem gehört es zu den wenigen Universitätskliniken, die eine große Erfahrung in der Anwendung verschiedener Robotiksysteme aufweisen. Ein weiteres Robotiksystem im Experimental-OP vervollständigt den Anspruch, nicht nur klinisch, sondern auch wissenschaftlich Vorreiter zu sein.
Gerade im Fall von Gerd Grötzschel war Präzision besonders wichtig. Jahre zuvor war er bereits wegen einer gutartigen Prostatavergrößerung operiert worden. Dadurch hatten sich die anatomischen Verhältnisse verändert. Der Eingriff war deshalb deutlich anspruchsvoller als bei einer gewöhnlichen Prostataentfernung. „Wir mussten die vorhandenen Strukturen sehr sorgfältig rekonstruieren“, erklärt Prof. Christian Thomas. „Genau deshalb war dieser Eingriff operativ besonders herausfordernd.“
Der OP-Roboter daVinci im Einsatz.
Neben der hohen Präzision hat die operative Robotik noch einen weiteren Vorteil: Sie garantiert ein schonendes Verfahren, die Patienten erholen sich wegen der minimalinvasiven Methode schneller. Auch bei Gerd Grötzschel war das so. Die Operation fand Ende Januar statt. Im Anschluss folgte eine Reha. Nach sechs Wochen war er im Orchester zurück. Regelmäßig lässt er seine Werte überwachen. „Mir geht es hervorragend. Ich sitze wieder im Orchester und mache Musik“, sagt er.
„Die Medizin der Zukunft ist maßgeblich bestimmt vom Einfluss der Digitalisierung und von operativer Robotik. Durch Etablierung eines Zentrums für operative Robotik werden wir dem gerecht und erreichen eine noch intensivere Verschmelzung von Klinik und Wissenschaft. Davon profitieren unsere Patientinnen und Patienten.“
Die Deutsche Gesellschaft für Allgemein- und Viszeralchirurgie (DGAV) hat die Klinik und Poliklinik für Viszeral-, Thorax- und Gefäßchirurgie am Universitätsklinikum Carl Gustav Carus Dresden als Exzellenzzentrum für Minimal-Invasive und Robotische Chirurgie (MIC) zertifiziert. Die Auszeichnung erfolgte Ende 2025. Damit gehört das Uniklinikum Dresden zu nur fünf Exzellenzzentren dieser Art in Deutschland – und ist das einzige zertifizierte Zentrum in Sachsen. Mehr erfahren
Unit for Surgical Excellence in Innovation and Translation for Technology and Training (USE-IT³) ist der Titel für die Professur für Minimal-Invasive und Robotische Chirurgie an der Medizinischen Fakultät an der TUD. Die Professur zielt darauf ab, Evidenz auf dem Gebiet der minimalinvasiven und robotischen Chirurgie zu schaffen und gewonnene Ergebnisse und Erkenntnisse in die Praxis von Klinik und Lehre zu bringen. Mehr erfahren