Gesundheit vernetzen. Innovation leben.
Zukunft gestalten.
Krankenversorgung, Forschung und Lehre im perfekten Zusammenspiel. Prof. Uwe Platzbecker, Medizinischer Vorstand Universitätsklinikum Dresden, Janko Haft, Kaufmännischer Vorstand Universitätsklinikum Dresden, und die Dekanin der Medizinischen Fakultät Prof. Esther Troost im Gespräch über Wandel und Kontinuität, Herausforderungen und Chancen und darüber, warum Vernetzung heute der wichtigste Erfolgsfaktor ist.
„Vernetzung – Innovation – Zukunft“. Welcher Teil des Dreiklangs beschreibt das vergangene Jahr am besten?
Prof. Uwe Platzbecker:
Vernetzung. Medizinische Versorgung, Diagnostik und Therapien werden immer spezialisierter und individueller. Dafür braucht es zum einen interdisziplinäre Teams sowie den gemeinsamen Willen, im Sinne der Patientinnen und Patienten über den Tellerrand zu blicken. Und es braucht intersektorale Zusammenarbeit mit den Akteuren der medizinischen Versorgung in der Region.
Prof. Esther Troost:
Auch die Wissenschaft lebt vom Austausch, der regional, national und international gelebt wird. Vernetzung endet nicht an den Grenzen einer einzelnen Einrichtung, sie muss darüber hinausgehen. Denn gerade große medizinische Fragen lassen sich heute nur noch gemeinsam beantworten.
Janko Haft:
Vernetzung benötigt aber auch die richtigen Rahmenbedingungen sowie ein finanziell stabiles Fundament. Der Impuls für Vernetzung entsteht vielleicht von allein. Die Umsetzung sowie ein gemeinsames Gestalten von Netzwerken brauchen jedoch Strukturen, die Zusammenarbeit erleichtern, Informationen und Daten verfügbar machen und so erst Innovation ermöglichen.
Sie sprechen von Innovationen. Eine der großen Innovationen unserer Zeit ist der Einsatz von Digitalisierung und künstlicher Intelligenz im klinischen Alltag …
Janko Haft:
Digitalisierung ist inzwischen weit mehr als eine Aufgabe bezüglich der Technisierung von Arbeitsprozessen. Die Chancen, die sich daraus ergeben, sind weit größer. Digitalisierung ermöglicht, dass wir viel schneller Entscheidungen treffen und in Teams anders zusammenarbeiten können. Auch könnten sich für unsere Patientinnen und Patienten ganz neue Möglichkeiten der Partizipation im individuellen Behandlungsablauf ergeben. Dabei gilt: Digitalisierung und KI müssen einen echten Nutzen stiften und sollten kein Selbstzweck sein. Dann kann uns der inhaltlich und wirtschaftlich sinnvolle Einsatz dieser Instrumente wirklich zukunftsfähig machen.
Digitalisierung ist also kein Selbstzweck?
Prof. Uwe Platzbecker:
Ganz im Gegenteil. Jede Verbesserung muss am Ende den Menschen dienen – unseren Mitarbeitenden ebenso wie den Patientinnen und Patienten. Das merken wir in der Versorgung ganz unmittelbar. Diagnosedaten stehen heute schneller zur Verfügung. Digitale Tools unterstützen uns bei der Auswertung und Analyse enormer Datenmengen, aber auch bei Prozessen in der Verwaltung – hier seien exemplarisch der elektronisch verfasste Arztbrief oder die elektronische Dokumentation genannt. Digitalisierung schafft für unterschiedliche Berufsgruppen Freiräume für das, worauf es in der Medizin ankommt: die Patientinnen und Patienten.
Sie sprechen von Freiräumen für unterschiedliche Berufsgruppen durch digitale Tools und Technik. Die robotische Chirurgie am Universitätsklinikum blickt auf eine große Expertise, künftig sollen noch mehr Eingriffe robotisch durchgeführt werden. Braucht es den Menschen hier bald überhaupt noch?
Prof. Uwe Platzbecker:
Robotische Systeme erweitern unsere Möglichkeiten erheblich. Sie ermöglichen hochpräzise Eingriffe und unterstützen insbesondere bei komplexen Operationen. Entscheidend ist aber: Nicht der Roboter operiert – sondern erfahrene Chirurginnen und Chirurgen. Die Technologie ergänzt ihre Expertise. Und das zum Wohle der Patientinnen und Patienten.
Prof. Esther Troost:
Und mit großem Interesse der Wissenschaft. Wir haben seit 2024 eine Professur für Minimal-Invasive und Robotische Chirurgie. Sie ist an der Medizinischen Fakultät sowie der Klinik und Poliklinik für Viszeral-, Thorax- und Gefäßchirurgie angesiedelt. Im Experimental-OP am NCT/UCC erforschen wir neue Möglichkeiten und Einsatzgebiete für die robotische Chirurgie. Auch dafür brauchen wir kluge Köpfe, die sich an der Hochschulmedizin Dresden diesen Fragen annehmen.
Neben der Robotik ist die Ambulantisierung eines der großen Schlagworte in der medizinischen Versorgung. Wo steht das Universitätsklinikum Dresden diesbezüglich?
Prof. Uwe Platzbecker:
Das ist eine der größten Entwicklungen der kommenden Jahre. Immer mehr Behandlungen können ambulant erfolgen oder stationäre Aufenthalte verkürzt werden. Das ist medizinisch sinnvoll und entspricht häufig auch den Wünschen der Patientinnen und Patienten. Unsere Aufgabe besteht darin, diese neuen Versorgungsformen so zu gestalten, dass Qualität, Sicherheit und Kontinuität jederzeit gewährleistet bleiben. Wir denken Versorgung neu. Dazu gehört übrigens auch, verstärkt über „Hospital at Home“-Formate nachzudenken und erste Pilotprojekte dahingehend zu realisieren. Auch hier braucht es eine enge Verzahnung von Medizin, Pflege, Qualitätsmanagement und Forschung.
Die Leistungen der medizinischen Forschung am Standort Dresden wurden bereits angesprochen. Lassen Sie uns konkreter werden. Prof. Troost, was braucht es für eine exzellente Forschung, die den skizzierten Herausforderungen begegnet?
Prof. Esther Troost:
Unser Ziel ist es, hervorragende Rahmenbedingungen für exzellente Forschung zu schaffen. Das umfasst moderne Labors sowie Möglichkeiten, den klinischen Alltag mit der wissenschaftlichen Arbeit zu verbinden. Neue Erkenntnisse sollen möglichst schnell ihren Weg in die klinische Anwendung finden, dafür braucht es engen Austausch zu Start-ups sowie entsprechende Strukturen. Wir fördern interdisziplinäre Projekte ebenso wie den Transfer wissenschaftlicher Ergebnisse in die Versorgung. Es gilt, einen engen Schulterschluss zwischen Klinik, Labors und wissenschaftlichem Diskurs zu fördern.
Forschung braucht aber auch Menschen, die sich der aktuellen Fragestellungen annehmen.
Prof. Esther Troost:
Das ist uns bewusst. Deshalb entwickeln wir unsere Lehre kontinuierlich weiter und kreieren neue Lern- und Ausbildungsformate. Moderne Ausbildung bedeutet heute weit mehr als Wissensvermittlung. Sie muss Teamwork, Digitalisierungskompetenz und wissenschaftliche Neugier fördern. Gleichzeitig übernehmen wir mit unserem Engagement in Südwestsachsen Verantwortung für die medizinische Ausbildung in der Region. Mit dem Modellstudiengang Humanmedizin MEDiC realisieren wir das Medizinstudium in Chemnitz. Zudem unterstützen wir unsere Studierenden mit Forschungsstipendien, fördern Frauen in der medizinischen Forschung und haben im Rahmen einer neuen internationalen Kooperation mit der Columbia University Studierende nach New York entsandt.
Warum investiert die Fakultät so stark in internationale Partnerschaften, obwohl die Herausforderungen doch oft ganz lokal sind – etwa die ärztliche Versorgung in Sachsen?
Prof. Esther Troost:
Gerade weil unsere Verantwortung regional ist, müssen wir international denken. Die großen medizinischen Fragen werden heute nicht mehr an einem einzigen Standort beantwortet. Ob personalisierte Krebstherapien, neue Infektionskrankheiten oder der Einsatz künstlicher Intelligenz – die notwendige Datenbasis, die wissenschaftliche Expertise und die klinische Erfahrung entstehen in internationalen Verbünden. Unser Anspruch ist deshalb zweifach: Wir wollen Forschung aus Dresden in diese Netzwerke einbringen und gleichzeitig dafür sorgen, dass neue Erkenntnisse möglichst schnell wieder in die Versorgung unserer Patientinnen und Patienten zurückfließen. Internationale Zusammenarbeit ist für uns kein Selbstzweck, sondern der schnellste Weg, medizinischen Fortschritt nach Sachsen zu bringen.
Welche Bedeutung hat die Gesellschaft bei den skizzierten Herausforderungen?
Janko Haft:
Das wird vor allem dann relevant, wenn es um die Finanzierung und Ermöglichung von Projekten geht, die außerhalb der Regelfinanzierung liegen. Mit der Stiftung Hochschulmedizin Dresden haben wir allein in 2025 1,68 Millionen Euro Spenden gesammelt. Damit unterstützen wir Projekte in der Versorgung, Forschung und Lehre. Seit 2026 haben wir eine Stabsstelle Fundraising am Universitätsklinikum, um dieses Potenzial noch stärker zu nutzen. Fundraising bedeutet für mich weit mehr als Spenden einzuwerben. Wer spendet, gestaltet aktiv mit und kann Bereiche stärken, die ihm wichtig sind oder denen er sich dankbar verbunden fühlt. Das gilt für Mitarbeitende genau wie für Patientinnen und Patienten.
Sprechen wir über die Zukunft. Was bewegt die Hochschulmedizin Dresden in den kommenden Jahren?
Janko Haft:
Das Universitätsklinikum Dresden wird noch stärker als bereits jetzt Ansprechpartner für neue Versorgungsmodelle in der Region sein. Unser dermatologisches Angebot mit der KV Sachsen in Ebersbach und die geplante Augenarztpraxis in Bannewitz, betrieben durch unser Medizinisches Versorgungszentrum, sind konkrete Beispiele – diese Modelle sind Blaupause, um eine Versorgung in ländlichen Regionen nachhaltig zu sichern.
Prof. Uwe Platzbecker:
Notaufnahmen werden noch stärker das Einfallstor für die medizinische Versorgung sein. Damit geht einher, dass Patientinnen und Patienten eigenständiger werden, wenn es um den richtigen Behandlungspfad geht. Digitale Tools und Apps weisen künftig den Weg zum richtigen Ansprechpartner bei spezifischen Indikationen. Die elektronische Patientenakte ist hier Voraussetzung. Dafür brauchen wir aber auch informative Leitplanken, die es ermöglichen, alle Menschen bei dieser Entwicklung transparent mitzunehmen.
Prof. Esther Troost:
Die Hochschulmedizin Dresden wird fester Bestandteil einer exzellenten Forschungslandschaft in Deutschland sowie attraktiver Ort für nationale und internationale Nachwuchswissenschaftlerinnen und -wissenschaftler sein. Mit dem Else Kröner Fresenius Zentrum (EKFZ) für Digitale Gesundheit sind wir bereits heute Vordenker – Erkenntnisse dieser Arbeit rund um KI und Datenanalyse bestimmen künftig die Arbeit in den Kliniken. Dieser Transfer wissenschaftlicher Leistung in die Medizin ist künftig Aushängeschild für die Exzellenz des Standortes.